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BeitragVerfasst: Di 8. Mai 2018, 11:42 
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Immer öfter lese ich Meerschweinchen sind domestiziert, sie sind deswegen zahm und wären nicht fähig alleine in der Wildnis zu überleben, würden keine Gefahren mehr erkennen - der wilde Instinkt fehlt. Aber stimmt das?

Meine Schweinchen waren das letzte Sommerhalbjahr draußen - sie kannten Bis dahin nichts außer Wohnungshaltung.
Sie haben einen Geschützen Schlafstall und am Tag hatten sie zusätzlich einen 30 Quadratmeter großen Freilauf. Anfangs waren sie nur im Stall und guckten mal raus. Mit der Zeit trauten sie sich immer weiter raus und nutzen die gesamte Fläche. Sie lernten Gefahren einzuschätzen, mein Hund und meine Katzen wurden als nicht besonders gefährlich eingestuft. Sie sind nur abgehauen, wenn mein Hund und die Katzen einen gewissen Abstand überschritten hatten.
Bei fremden Katzen, Hunden und auch Menschen sind sie sofort abgehauen ins Gebüsch oder in den Stall. Auch haben sie gelernt auf die Spatzen, Kohlmeisen und co. zu reagieren. Haben diese geschimpft und flogen u.U. auch noch weg, rannten die Schweinchen ins nächst beste Versteck. Erst als die Vögel wieder ruhig wurden kamen die Schweinchen wieder raus.

Was könnt ihr berichten? Wie verhalten sich eure Nasen draußen. Sind sie wirklich so unvorsichtig und unbedarft wie viele behaupten, nur weil sie domestiziert sind? Können Sie wirklich keine Gefahren einschätzen?


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BeitragVerfasst: Mi 9. Mai 2018, 08:50 
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Ich hatte meine Weiberbande halbwild gehalten - sie hatten letztendlich über 500qm eigenes Grundstück und dann noch den selbsteroberten ca. 500qm großen verwilderten alten Judenfriedhof auf dem Nachbargrundstück zur Verfügung.

Alles, was man von einem Tschudi erwartet, kam wieder, trotzdem es sich ja um Hausmeerschweinchen und nicht um Tschudi-Meerschweinchen handelte:
1. Die Meerschweinchen legten sich geschützte Gänge unter den Brombeerbüschen und zum Schlafhaus an (Schlafhaus wurde nachts von mir verrammelt). Dabei wurden die Zweige der Brombeerbüsche so genial bearbeitet, daß Gänge in genau Meerschweinchenrundung entstanden. Die Pfade selbst wurden akribisch pflanzenfrei gehalten.
Die Männermeerschweinchen, welche auf der Kaninchenweide untergebracht waren, zeigten dieses Verhalten nicht - dazu war offenbar mit 100qm zuwenig Platz und die Kaninchen dürften ihrerseits gestört haben. Außerdem wurde die Weide regelmäßig versetzt.
2. Ihre Aktivitätszeit veränderte sich auf Dämmerungsaktiv, am Tag waren die Meerschweinchen so gut unter den Brombeeren versteckt, daß sie keiner finden konnte.
3. Die Meerschweinchen lernten genau wie ihre wilden Verwandten Warnsignale anderer Tierarten - von Vögeln, meinen Kaninchen (als Felix (Großwidderkaninchen) dazukam, der gerne mal einfach so trommelte, weil er mal wieder mit der Weidesituation überfordert war, waren auch die Meerschweinchen ständig in Alarmbereitschaft, bis sie lernten, daß Felix-Trommeln nix zu bedeuten hat - sie unterschieden zwischen dem Trommeln der anderen Kaninchen und seinem Trommeln) und sogar von den Hühnern etliche Grundstücke weiter.
4. Die Meerschweinchen unterschieden zwischen verschiedenen Beutegreifern - wenn der Bussard über dem Grundstück flog, fraßen sie nur wenige Zentimeter von den Brombeerbüschen weg und behielten ihn gut im Auge (das zum Thema Kurzsichtigkeit, falls das auch irgendwann noch kommen sollte), tauchte ne fremde Katze auf, flohen sie in ihre Verstecke unter den Brombeeren oder suchten ihr Schlafhaus auf.
Gaben die Hühner Fuchsalarm, war die Hölle auf meinem Grundstück los - von den Weibermeerschweinchen war dann gar nix mehr sichtbar und das über Stunden nicht.
5. Meine Meerschweinchen sprangen nach einigen Wochen auf der Weide ausnahmslos alle über 30cm ... bevorzugten es jedoch, unter Hindernissen durchzurennen. Gesprungen wurde nur ausnahmsweise.
6. Die Weibermeerschweinchen selektierten genauso, wie es auch Tschudis auf dieser Weide getan hätten - kein Unterschied.
7. Es wurde nie an den Schlaf- und Ruheplätzen gefressen, die Säue suchten immer über ihre angelegten Pfade die Futterwiesen auf, auch dann, wenn an einigen der Ruheplätze ihnen die Wiese förmlich ins Mäulchen wuchs. In der Nachtunterkunft ging das nicht, aber selbst da hatten sie Wiese liegengelassen, wenn ich sie an die falsche Stelle drapierte.
8. Waren Kaninchen auf der oberen Weide, wo die Säue untergebracht waren, hielten sich die Meerschweinchen in Sichtweite der Kaninchen.
9. Bei den Männermeerschweinchen konnte eine eindeutige Einnischung beobachtet werden - sie fraßen deutlich mehr und bevorzugter Gras, wie die Weibermeerschweinchen ... und teilten sich so die Weide vom kulinarischen Aspekt her mit den Kaninchen, welche wiederum die Kräuter bevorzugten. Es gab nur wenige Pflanzen überhaupt, die von Meerschweinchen und Kaninchen gleichermaßen viel gefressen wurde (Löwenzahn beispielsweise oder Ampfer). Auch das ist eine typische "Wildeigenschaft".
Leider fehlten mir nun die Blattfresser, wie beispielsweise Ziegen, welche mir Brennessel, Distel und Co hätten wegfressen müssen ... dann hätte ich immer eine perfekt gepflegte Weide gehabt :D
10. Auf der Weide wurde stets auch auf Deckung nach oben (hohes Gras, hohe Kräuter) und entsprechende Fluchtmöglichkeiten geachtet, es wurde also nicht einfach so weil das Gras so schön grün ist, gefuttert, sondern der Feindvermeidungsaspekt hatte einen sehr, sehr hohen Stellenwert.

Die Unterschiede zum Tschudi:
1. Der Aktionsradius der Meerschweinchen war deutlich geringer, wie bei Tschudis unter ähnlichen Bedingungen (unter Grand Dame ca. 800qm, ohne Grand Dame waren es nur noch 50 - 150qm ... )
2. Die Aktivitätszeiten ließen sich besser von mir in die gewünschte Tagaktivität lenken (ich wollte meine Säue gern noch bei Helligkeit einsperren und nicht erst, wenn ich Meerschwein in der Dunkelheit nicht mehr sehen kann).
3. Die Gruppe war für Meerschweinchen ungewöhnlich groß, solange Grand Dame lebte, waren blieb die Gruppe immer beisammen, erst nach Tod von Grand Dame bildeten sich drei Gruppen, die aber immer in Tuchfühlung blieben ...
4. Springen wurde von mir deutlich weniger beobachtet, wie es für Tschudis zu erwarten gewesen wäre. Gerieht die Gruppe in Panik, sprang sie gar nicht und blieb sogar vor Hindernissen, über die sonst drübergesprungen wäre, stehen. Das ist das einzige Merkmal, was so abgeändert ist, daß es für das Wildnisleben nicht mehr praktikabel ist ... alle anderen Unterschiede zeugen eher von einer größeren Anpassungsfähigkeit, die ein besseres Überleben in der Wildnis ermöglicht (Höhe Friedlichkeit ermöglicht mehr Meerschweinchen pro Fläche zu leben, so daß mehr Augen nach Feinden Ausschau halten können, der geringere Aktivitätsraum ermöglicht es mehr, wie bei den Wilden, nur in der Nähe der Fluchtwege zu futtern und geht einher mit einer besseren Ausnutzung der Futterpflanzen etc etc etc)

Alleine nur, daß die Säue sich diese Wechselpfade anlegten und genau wie ihre wilden Verwandten in Südamerika pflegten, zeigt schon, daß angeborenes Verhalten nicht einfach so verschwindet - auch nach über 4.000 Jahren Domestikationszeit nicht, in der sie mit Sicherheit keine Möglichkeit dazu hatten, sowas anzulegen. Diese Pfade waren auch noch nach über einem Jahr auf diesem Grundstück deutlich sichtbar.
Es handelt sich dabei um ein sehr komplexes Verhalten und kein mal hier knabbern und da mal knabbern, durch den zufälligerweise pfadähnliche Strukturen erzeugt werden könnten. Die Pfade waren genauso tonnenförmig, wie die Meerschweinchen, mit der Zeit absolut eben ohne Hindernisse und unter den Brombeerbüschen existierte ein regelrechtes Labyrinth dieser Pfade. Durch spezielles Verbeißen der Stämme, Äste und Zweige, die nicht der Nahrungsaufnahme dienten, wurde sogar das Stachelwachstum der Brombeeren so angeregt, daß in den Wänden und der Decke dieser tunnelförmigen Pfade besonders viele Stacheln wuchsen. Stacheln, die bei der Flucht gehindert hätten, wurden dagegen penibelst entfernt.


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BeitragVerfasst: Mi 9. Mai 2018, 10:56 
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Danke für deine ausführliche und interessante Antwort. Dies bestätigt auch meine Beobachtungen. Meine Schweinchen haben zwar bei weitem nicht so viel Platz, aber auch sie hatten in der Wiese und im Beet Unterschlüpfe und Trampelpfade angelegt. Waren die Nasen im Beet waren sie nicht zu sehen, auch in der Wiese waren sie kaum sichtbar. :hm:

Ein Meerschwein bleibt nach wie vor ein Meerschwein - egal ob nun Haus oder Wildmeerschweinchen. Die Instinkte sind doch gleich/ähnlich wenn man ihnen die Möglichkeit bieten kann sich zu entfalten.

Ich finde auch das meine Meerschweinchen deutlich wachsamer und vorsichtiger sind als es meine Zwerg-Kaninchen damals waren. Die Schweinchen sind vor jedem größeren Vogel geflohen, manchmal auch bei Amseln. :grübel:


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BeitragVerfasst: Mi 9. Mai 2018, 12:28 
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Kann ich bestätigen ... Kaninchen sind Rauhbeine, die sind lange nicht so auf Sicherheit bedacht, wie Meerschweinchen, das hatte bei mir nicht mal ne Ausnahme.

Allerdings ist das auch kein Wunder, Kaninchen haben zwar viele Feinde, aber sind nicht leicht zu fangen ... Meerschweinchen dagegen sind wehrlose, wandelnde Snacks für alles, was Fleisch mag. Wenn sie da nicht vorsichtig wären, würde es sie gar nicht erst geben.


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BeitragVerfasst: So 13. Mai 2018, 11:48 
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Vielen Dank für die Berichte - das ist hochspannend! Und einmal mehr überlege ich, wie langweilig die Innenhaltung - bei aller Abwechslung und Größe des Geheges - für die Nasen sein könnte. Ich denke darüber schon sehr lange nach...

Noch eine Anmerkung zu den angelegten Gängen: Das Phänomen habe ich auch in der Innenhaltung beobachtet, seitdem mein Gehege so groß ist wie jetzt und nur noch von einer begrenzten Anzahl bewohnt wird: Die Nasen haben ihre festen Laufwege, die sie entlang von Röhren und Tunneln nutzen und sie meiden größere, nach oben offene Flächen. Sehr gut zu beobachten, wenn ich eine größere Fläche dick mit Heu ausstreue, in dem sie sich quasi "einbuddeln" könnten - dann werden ebenfalls bestimmte Laufwege erst geschaffen und dann genutzt - immer wieder.


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