Was macht ihr bloß mit euren Hunden?
Streng genommen könnte man jetzt sagen, wer nicht dazu in der Lage ist, einem Hund als vollwertiger Sozialpartner innerhalb eines festen Verbundes beizustehen, ist kein geeigneter Hundehalter!
Nur mal so:
Ich hab momentan vier Hunde, Ausbildungshunde nicht mit eingeschlossen. Anfangen von den Hardcore-unhabhängigen Nordischen, die Menschen nur als Futterlieferanten, Revier-Bereitsteller und Leinenendenhalter betrachten bis hin zu hochsozialen Gebrauchshunden - und muss sagen, dass keiner meiner Hunde auf einen vierbeinigen Mitbewohner angewiesen ist.
Im Gegenteil: Sie tolerieren sich, sie nutzen die gemeinsame Interaktion aus, aber ihr Lebensmittelpunkt bin letztendlich ich. Und jeder verzichtet für eine Interaktion mit mir auf jegliche Gesellschaft eines anderen Hundes.
Ich habe auch mit jedem von ihnen eine nicht unerhebliche Zeit allein verbracht und ihr Verhalten verändert sich lediglich insofern, als dass ihr Sozialverbund einfach kleiner wird, weniger Randkommunikation stattfindet und sie sich mehr auf mich konzentrieren können. Sie werden auch entspannter dadurch.
Die nordische Dame hat noch nie Gesellschaft gewollt. Ihr liegt schlichtweg nichts daran und wenn man ihr hündische Gesellschaft bietet, dominiert sie diese auf eine sehr souveräne, beinahe herablassende Art und regelt, was sie persönlich stört. Ansonsten will sie keinen Kontakt und weist ab.
Dennoch ein genialer Meuteführer, der locker zwanzig, dreißig verschiedene Hunde unter einer Fuchtel hält und für "Ruhe und Ordnung" im Verbund sorgt.
Sie schließt sich dafür einem einzigen Menschen sehr eng an, orientiert sich an diesem und ignoriert einfach die ganze restliche Welt. Eingespannt und als Leithund eines Schlittenteams macht sie ihren Job - und zwar in Koordination mit mir. Der Rest hat, grob gesagt, zu horchen. Da diszipliniert sie auch schon mal oder macht Druck, wenn das Team nicht das selbe will, wie ich ihr vermittle.
Die Belgierin ist scheinbar immer als Einzelhund gehalten worden und sie mag durchaus hündische Gesellschaft, ist aber nicht besonders sozialkompetent. Im Gegenteil. Sie ordnet sich unter, ist aber immer auf Kontaktsuche mit dem Menschen und es ist ganz offensichtlich ihre "wichtigste" Ressource.
Sie liebt Menschen aller Art, bis auf manche wenige Individuen.
Sie spielt und tobt für ihr Leben gerne und genießt es, auf eine äußerst selbstdarstellerische Weise andere Hunde zu dominieren. Muss sie länger mit ihnen zusammenleben, verkrampft sie und wird schnell gestresst, zieht sich zurück.
Havoc dahingegen mag Menschen nicht. Er mag sie einfach nicht - sie stören ihn bestenfalls und im schlechtesten Fall nimmt er sie als Eindringling in seine Welt wahr.
Er ist komplett mit Familien- und Hundeanschluss und Sozialisation im Verbund aufgewachsen und wurde eigentlich auch gegenüber Menschen sozialisiert. Pustekuchen. War als Junghund in Ordnung (er wollte halt nie etwas mit Menschen zu tun haben, mit Hunden dagegen schon), als Erwachsener zeigt er sehr deutlich, dass diese Tendenzen eher stärker werden als zu verschwinden.
Mit Hunden ist das so eine Sache.
Er ist unwahrscheinlich sozial, kümmert sich vorbildlich um Welpen und versucht, jegliche Streiterei im Verbund zu schlichten. Gleichzeitig sind ihm Hunde mittlerweile völlig unwichtig. Sie sind da, er spielt gerne mit ihnen, dominiert sie - aber im Zweifelsfall entscheidet er sich immer und ausschließlich dafür, an meiner Seite zu bleiben. Ihm ist auch die jeweilige Aufgabe, sei es die Arbeit im Zuggespann, Wachdienst oder der Meutechef als solches wichtiger als ein bloßer Sozialkontakt, obwohl ich ihn persönlich eigentlich als sehr anschmiegsamen Hund wahrnehme.
Der Streifi ist ja bekanntlich ein Wesenskrüppel.
Ich habe ihn als Hund kennengelernt, der schlimme Erfahrungen mit Menschen gemacht hat und in seinem Grundvertrauen hochgradig gestört wurde - eine Störung, die sich auch nach jahrelanger Arbeit nicht gänzlich gelegt hat und ihn situativ enorm gefährlich macht.
Er ist ein sehr auf eigene Sicherheit und problemlosen Umgang mit anderen Hunden bedachter Hund und gewinnt viel an innerer Sicherheit durch die dauerhafte Anwesenheit eines ihm überlegenen, seinen Verband beschützenden Alphatieres. Mit einem unterlegenen Hund allein würde ich ihn nicht zusammen halten können. Die Zeit mit der Belgierin zusammen zeichnete sich dadurch aus, dass er sich ihr zwar eng anschloss, gleichzeitig aber einen beinahe neurotischen Schutzwahn aufbaute - Menschen, andere Hunde, nichts durfte sich annähern (weder ihm, noch ihr, noch seinem Revier, noch seinen Ressourcen oder sonst was) und die Aussetzer, die zu schweren Attacken auch gegenüber mir führten, traten da sehr gehäuft auf.
Ihn ganz allein, nur mit menschlichem Kontakt zu halten, geht eigentlich schon - aber ist dann nicht mehr zu selbstständigem Handeln in der Lage und misst seine komplette Persönlichkeit nur noch an mir. Mit allen Konsequenzen. Lässt man ihn alleine, zieht er sich in einen Schutzraum zurück und verteidigt diesen blindlings, dreht teilweise regelrecht durch und entwickelt Verhaltensweisen, die eher an ein eingesperrtes, panisches Wildtier erinnern.
Mit einem dominanten Alphatier zusammen ordnet er sich unter, ist aber nicht dazu in der Lage, ein vernünftiges Sozialverhalten aufzubauen. Auseinandersetzungen enden immer mit schweren Verletzungen - aber er profitiert von dem gefühlten Schutz und wird in seinem Handeln selbstständiger, will aber sozial eigentlich nichts mit dem anderen Hund zu tun haben. Er orientiert sich dennoch nur an mir, ist jedoch im ganzen Verhalten entspannter.
Das sind vier Hunde von unzähligen Individuen.
Aus den Erfahrungen mit den vielen, vielen anderen, die mir im Laufe der Zeit so begegnet sind, kristallisierte sich folgender Sachverhalt heraus:
Es gibt Hunde, die einem eher ursprünglichen "Wildtypus" entsprechen.
Die lassen sich zwar durchaus auf menschlichen Sozialkontakt ein, behalten aber immer eine gewisse Art Distanz bei. Ihnen liegt definitiv mehr an der schieren Anwesenheit gleichartiger Sozialpartner und für solche Typen ist es tatsächlich nicht optimal, sie alleine zu halten.
Dann gibt es den modernen, voll domenstizierten Hund.
Tut mir Leid, aber - dieser Hund braucht eigentlich keine hündischen Kontakte zwingend zum Leben. Er profitiert durchaus davon, aber mit einem wirklich auf seine individuellen Wesensveranlagungen eingehenden Menschen zusammen wird er sich immer mehr am Menschen orientieren als an anderen Hunden.
Und letztendlich ist da noch der "Arbeitshund", dessen Leben nicht von Sozialkontakten, sondern der gemeinschaftlichen Aufgabe geprägt ist.
Das kann der zielorientierte Verband einer Hundemeute sein wie auch die Arbeit mit einem/seinem Menschen. Für diesen Hund ist sozialer Kontakt manchmal sogar anstrengend und nervend, weil er seine Befriedung rein aus der Arbeit zieht.
Die meisten Hunde sind Mischtypen. Aber generell tendiert der "Hund" als solches dazu, mehr an menschlicher Gesellschaft zu finden als an einer Meutehaltung!
Das ist ja auch logisch, denn dazu hat er sich mehr oder weniger selbst geschaffen.
Was wir Menschen machen, ist Hunde in einem "Sympathieverband" zu halten. Also wir zwingen zwei, drei, vier Hunde dazu, irgendwie miteinander auszukommen, um uns nahe zu sein. Da sie sehr anpassungsfähig sind, entwickelt sich dadraus meistens ein stabiler Sozialkonstrukt.
Das hat mit "Meute" oder gar "Rudel" NICHTS zu tun!
Ich hab lange mit sehr ursprünglichen Hundetypen gearbeitet, etwa Eskimohunden in einem natürlich gewachsenen Rudelverband, mit Wolfshybriden und von solcherlei Mischungen abstammender Hundearten - aber auch mit Arbeitshunden, die ihr Leben in zielorientierten Verbänden größeren Stiles verbringen und außerhalb des Arbeitseinsatzes in kleinen Gruppierungen zusammenleben, mit mehr oder weniger großer Distanz zu Menschen.
Diese Hunde, die wirklich extenziell hündischen Sozialkontakt brauchen, lassen sich in keiner Weise mit einem normalen Haushund vergleichen!
Mir wäre es eigentlich lieber, Hundehalter zu sehen, die sich mehr auf die indiviuellen Bedürfnisse ihrer Hunde einstellen als wie krampfhaft nach einer "Beschäftigungsmethode" via zweiten Hund zu suchen.
Ich kann mit meinen Hunden mehr, als Stöckchen zu werfen und zu sehen - ah, ok, der ist platt. Für mich ist gegenseitiges Spielen ein feines, sensibles Interaktionsfeuerwerk, über das sowohl Statusmissverständnisse wie auch soziale Spannungen gelöst werden können, Vertrauen aufgebaut und Unsicherheiten überwunden werden.
Mehr tun Hunde untereinander auch nicht. Im Gegenteil. Ich behaupte von mir, besser spielen zu können als der größte Teil "normal sozialisierter Hunde", weil ich viel mehr Erfahrung und soziale Kompetenz besitze.
Und ich hab schon einigen Hunden "hundisch" wieder so beibringen können, dass sie an einem normalen sozialen Leben teilzunehmen vermochten.
Warum?
Weil ich ein Mensch bin und deshalb Hunde mir auf einer ganz anderen Ebene bereit sind zu vertrauen, als einem anderen Hund. Man muss nur ein wenig dafür tun und vielleicht auch mal selbst bereit sein, das Wesen eines Hundes zu erkennen und zu akzeptieren lernen.
Gleichzeitig ist es MIR zu wenig, mit einem einzelnen Hund zusammen zu leben.
Deswegen habe ich aber auch eine Konstellation an Individuen gewählt, die optimal zueinander passen und ihre gegenseitigen Ecken und Kanten gegenseitig auffangen, ohne dass ich dauernd intervenieren muss.
Und trotzdem jeder auf seine Kosten kommt, was den Umgang mit mir betrifft. Denn ich bin letztendlich der Konsens unseres Zusammenlebens.
Just my 2 cents. Sicherlich eine Ansicht, die von sehr wenigen geteilt wird - aber letztendlich muss ich meinen Hunden "in die Augen sehen" können und nicht anderen Menschen, die ganz andere Sachen mit ihren Hunden veranstalten.
Grüße,
Sentry