Vom Prinzip her ist es einfach, zum Wanderschäfer zu werden - man schafft sich nen paar Schäflein an und zieht los ...
... und genau hier tauchen die ersten Probleme auf, die sowohl die privaten als auch die professionellen Wanderschäfer zunehmend haben.
Jegliche Wiese, jedes bischen Waldstück, jeglicher Acker, jeder Weg - kurzum ausnahmslos alles an Grund und Boden gehört jemanden. Und diese Jemanden finden es selten toll, wenn da mal kurz irgend son Oschi mit seinem wildgewordenen Köter und gefrässigen Wollfliesen über sein Land marschiert.
Egal, ob man Schäfer also als Lehre gelernt hat, oder ob man das privat macht, es gehört sehr viel Organisationstalent und Logistik dazu, erstmal Wiesen zu organisieren, die man mit seinen Schafen beweiden darf und es ist große Kunst, die Schäflein dann auch noch dahinzubekommen, ohne widerrechtlich fremderleutz Land zu betreten und sich Ärger einzuhandeln. Flügel haben Schafe nunmal noch nicht.
Es gibt noch Gegenden in Deutschland, wo die Wanderschäfer gern gesehene Leute sind - ist jedoch nicht überall mehr der Fall.
Früher hatte man für die Nachweide auf den Feldern Geld für bekommen, daß die lieben Schäflein alles runterfraßen, was man nicht auf dem Feld haben wollte und gleichzeitig das Feld gut düngten (Schafköttel sind weitaus besserer Dünger, wie die heutigen Kunstdünger), heute kostet jede Rapspflanze, welche sich ein Schaf im Vorbeigehen mitnimmt, mächtig Strafe und Felder für die Nachbeweidung werden immer weniger.
Früher hatte man Wiesen, welche durch die Schafe kurzgehalten werden sollten, heute gibts sowas vermutlich nur noch auf den Deichen in Norddeutschland und in Naturschutzgebieten, sonst kostet das Beweiden eines Wiesengrundstückes Geld - manchmal sehr viel Geld. Nur, wenn man Glück hat, darf man ein Stück Wiese auch kostenlos beweiden lassen.
Früher gab es für den Notfall die Allmende, heute existiert sowas nicht mehr.
Früher war es üblich, bei den Schafen auf der Weide zu übernachten. So sah man gleich, wenn es den Tieren nicht gut ging und konnte halt sehr schnell eingreifen und, was noch viel wichtiger war, Leute, welche Selbstbedienung betrieben oder gar Schafe aus Spaß verletzten oder töteten, konnten so zuverlässig davon abgehalten werden.
Heutzutage ist das Übernachten im Schäferwagen neben der Herde in den meisten Gebieten Deutschlands nicht mehr erlaubt, hat man einen Hütehund bei der Herde nachts und dieser verteidigt die Herde gegen Menschen, kann dies zu horrenden Schmerzensgeld- und Schadenersatzforderungen führen.
Es gibt also so gut wie keine legale Methode, auf seine Schäflein nachts aufzupassen - es sei denn, man will gleich 24 Stunden lang bei der Herde herumstehen.
Heutzutage ist es üblich, die Herde über Nacht dort einzukoppeln, wo man sie gerade weiden läßt, weil man keine schweren Holzstücken durch die Gegend tragen will, benutzt man dafür gewöhnlicherweise nen Elektroschafzaun. Und das wiederum kann seine Tücken haben, fällt der Strom aus, gehen die Schafe eigenmächtig auf Wanderschaft - und so ne kleine Herde Schäflein auf der Autobahn ist teuer!
Früher konnte man vom Schaf die Wolle/Haare, das Fleisch und die Milchprodukte vermarkten ... heute kommt Billigstwolle aus China, Billigstschaffleisch aus Neuseeland und Schafmilch oder Schafmilchkäse wird nicht mehr verlangt ... man muß also unter Preis verkaufen, wenn man überhaupt noch was verkaufen will ... davon müssen trotzdem Tierarztkosten, Weide, Stall, Schafzäune etc etc etc bezahlt werden.
Ein Verdienst ist also kaum möglich, die meisten Wanderschäfer leben von der Hand in den Mund.
Die üblichen Härten der Wanderschäferei, die man da schon immer hatte, kommen noch dazu ... Schafe brauchen Fressi, man kann sie nicht mal schnell, weils draußen windet, schneit und hagelt, im Stall stehen lassen und auf Schönwetter warten - wenn die gewohnt sind, ihr Futter auf der Weide zu suchen, brauchen die das dann auch, eine plötzliche Futterumstellung auf Stallfütterung ist also nur schwer möglich.
Man ist also tagtäglich bei jedem Wetter draußen bei den Schafen, meist zwischen 6 Stunden und 10 Stunden ... und das ohne viel Bewegung für einen selbst, man will schließlich seine Schäflein nicht verschrecken. Sicher - wenn die Sonne scheint, ist das schön ... aber mitten im Januar, bei -10°C, Schneetreiben und scharfem, kalten Wind?
Viele Wanderschäfer sind deshalb nur noch im Sommer über mit ihren Schafen draußen, im Winter stehen die Schafe dann im Stall oder auf einer Dauerkoppel.
Schafehüten ist zwar die meiste Zeit über easy und kommt selbst solch faulen Leuten wie mir sehr gut entgegen - aber nur solange die Schäflein nicht krank sind, nicht bockig sind, nicht gerade zu ungünstigster Zeit ablammen wollen oder gar die Lämmer mitten auf der Straße der Meinung sind, daß sie unbedingt nen Päuschen brauchen - es gibt also immer wieder Situationen, da wird das Ganze zur Knochenarbeit.
Verletztes Schaf aus nem Bach ziehen, Lämmer tragen, Geburtshilfe leisten, weil der TA mal wieder nicht rechtzeitig in der Lage ist, die Herde zu finden, Tragen von Weidezäunen, um die Schafe auf der Weide zur Nacht einkoppeln zu können usw usf machen jegliches Bodybuilding und jegliches Fitnesstraining unnötig ... hat man genug bei den Schafen.
Ein weiteres will gut überlegt sein, man lebt mit seinen Schafen, von seinen Schafen und für seine Schafe, das ist noch genau so wie noch vor 100 Jahren oder 500 Jahren ... nur sind in den letzten Jahrhunderte die Ansprüche ans Leben gestiegen - man will Urlaub machen, ins Kino gehen usw usf ... nun, mit Schafen ist man da noch weitaus mehr eingeschränkt, gerade in der Wanderschäferei, wie mit jeglicher anderer Tierhaltung. Man kann nicht mal eben nen Hiwi für die nächsten zwei Wochen einstellen, der die Schafe beaufsichtigt.
Es gibt Wanderschäfer, die sind noch nie in ihrem ganzen Leben auch nur aus ihrer unmittelbaren Heimat herausgekommen! Eine 50 - 60 Stunden Woche ist in der Wanderschäferei die Regel, nicht die Ausnahme - in der Hauptablammzeit kann man noch mit deutlich mehr Arbeitsstunden die Woche rechnen ... würde man die einzelne Arbeitsstunde auch nur mit einem Euro vergüten, wäre das Ganze ein einziges Minusgeschäft.
Es braucht schon viel Idealismus dazu, sich ausgerechnet einen solchen Beruf auszusuchen ...