Man sollte auch ein wenig auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Kaninchen ernähren sich stark saisonal, d.h. sie fressen der Jahreszeit angepasst sehr verschiedene Pflanzen. Wenn man nun (wie es Andreas in der Degupedia gemacht hat) industriell bewirtschaftete, gedüngte und künstlich angebaute Wiesen bzw. deren Inhaltsstoffe, die noch dazu im Sommer oder zu einer anderen Vegetationszeit (aber sich nicht im Winter) gemessen werden, mit einer reinen Gemüseernährung oder einer reinen Heuernährung vergleicht dann ist das stark polemisch aber sicherlich nicht mehr tatsachengetreu. Denn..
1) Füttert niemand seine Kaninchen rein mit Gemüse (bzw. habe ich diese Empfehlung noch an keiner Stelle gelesen)
2) Füttert kaum jemand seine Kaninchen rein mit Heu
3) Hat eine landwirtschaftliche Hochzucht-Wiese im Sommer oder Frühjahr selbstverständlich einen höheren Vitamin- und Nährstoffgehalt und andere Nahrungsqualitäten als die Winterernährung (egal ob die für Wildkaninchen oder die für Hauskaninchen), als eine Ernährung im Winter
4) Sind auch hochgezüchtete landwirtschaftliche Weiden nicht mehr natürlich
5) Fressen selbst Wildkaninchen die auf solchen Wiesen leben nicht nur dort, sondern zusätzlich noch viele andere Komponenten wie z.B. Rinden, Laub, Waldpflanzen wie z.B. Efeu, Brombeerblätter, Eicheln, Obst usw., den eigenen Weichkot und vieles andere (teilweise sogar z.B. Fleisch).
6) Kein Wildkaninchen frisst die Wiese in ihrer Zusammensetzung wie sie dort vorhanden ist. Kaninchen
selektieren, d.h. die Nahrung in ihrem Bauch stimmt nicht mit der Zusammensetzung der Wiese überein. Sie fressen vielleicht gezielt eine Pflanze die nur wenig zu finden ist vollständig auf und lassen dadurch den Großteil der Gräser stehen. Zudem
selektieren sie nur bestimmte Pflanzenteile. Wenn ich eine Pflanze mixe und die Inhaltsstoffe analysiere, dann wird die gesamte Pflanze bewertet, Kaninchen fressen jedoch meist nur bestimmte Teile (z.B. bei Gräsern nur die Spitzen).
Man kann also landwirtschaftliche Nutzwiesen nicht als "den Maßstab" für eine gesunde Kaninchenernährung verwenden, schon gar nicht für eine gesunde Winterernährung. Welches Wildkaninchen findet im Winter die Hochsommer-Landwirtschaftswiese, die hier als Vergleich herangezogen wird? Keines!
Zudem sind landwirtschaftliche Nutzflächen oftmals stark mit Spritz- und Düngemitteln belastet und artenarm, also alles andere als ideal. Eine wirklich wild gewachsene und ungedüngte Wiese ist deutlich
proteinärmer und artenreicher.
Nimmt man nun so eine wild gewachsene, natürlich belassene und artenreiche Wiese als Maßstab für eine artgerechte Kaninchenernährung so ist dies extrem weltfremd. Ja, Kaninchen sind Haustiere, die man auch problemlos anderweitig artgerecht ernähren kann, denn Ersatzmittel sind zwar nicht das gleiche wie das "Original" aber Kaninchen sind recht anpassungsfähige Tiere und leben nicht nur auf saftigen Landwirtschaftswiesen in Deutschland sondern oftmals (in anderen Ländern) unter ganz anderen Verhältnissen. Kaninchen leben nicht nur in Europa sondern auch in Australien, Afrika, Amerika, also eigentlich auf allen Kontinenten. Überall dort finden sie vielfältige Pflanzen mit einer hohen Konzentration an Pflanzenstoffen die sie nutzen. Die Pflanzen sind sehr verschieden und haben auch unterschiedliche Energiegehälter, das macht den Kaninchen nichts aus. Viel wichtiger ist für sie, dass sie eben ihre Pflanzenstoffe und eine breite Auswahl an Pflanzen haben. Deshalb kann auch eine reine Gemüseernährung nicht annähernd artgerecht oder gesund sein und wird deshalb auch so nicht empfohlen. Zusätzlich sollten die Kaninchen grundsätzlich ganz verschiedene Zweige/Rinden aller Art bekommen, (Trocken)-kräuter die eben einen höheren Gehalt sekundärer Pflanzenstoffe haben, ein paar Saaten und was sich sonst so an natürlichen Dingen in der Natur findet.
Und ja, die Zusammensetzung der Winterfütterung ist immer deutlich abweichend von der Zusammensetzung einer landwirtschaftlichen Nutzwiese im Sommer. Und das ist auch gut so! Kaninchen brauchen jahreszeitliche Schwankungen und Nahrungsmittelveränderungen. Für Kaninchen ist es gesund, wenn sie nicht ganzjährig das gleiche angeboten bekommen sondern jeweils den Jahreszeiten angepasst eine Nahrungsveränderung statt findet.
Würde man also Kaninchen im Winter mit einer Sommerwiese ernähren, so wäre das nicht mal wirklich gesund sondern auch völlig unnatürlich und ungesund.
Am meisten ärgert mich aber, dass mittlerweile der Trend in Richtung "die Natur ist das Tollste der Welt und die Haustierhaltung immer nur ein billiger Ersatz" geht. Das stimmt so nicht. Die Haustierhaltung (so wie sie verantwortungsvolle Halter umsetzen) hat große Vorteile gegenüber der Natur! Selbst ein Trockenfutter-Käfig-Kaninchen hat eine deutlich höhere Lebenserwartung als ein Wildkaninchen in der Natur. Dafür machen wir eben mal einen Exkurs.
Zitat:
LebenserwartungWährend die statistische Lebenserwartung neugeborener Wildkaninchen aufgrund der hohen Mortalität innerhalb des ersten Jahres nur etwa 70 Tage betrug, erreichten adulte Individuen (Tiere vom Beginn ihrer ersten Reproduktionsperiode an) im Mittel ein Alter von etwa 2,5 Jahren; die Lebensspanne der Tiere variierte jedoch in einem weiten Bereich: Während einzelne Individuen bereits wenige Wochen nach Erreichen ihres Erwachsenenstadiums starben, wurden andere bis zu sieben Jahre alt. Es bestand hierbei eine sehr enge Beziehung zwischen der Anzahl der zu Beginn
der Reproduktionsperiode eines Jahres in dem Gehege lebenden adulten Individuen und ihrer Mortalität in den darauf folgenden Monaten des Jahres, also eine eindeutige Selbstregulation der Individuendichte (Abb. 7). Erstaunlicherweise hatte der soziale Rang, den die Tiere während ihrer ersten Reproduktionsperiode erreichten, dramatische Effekte auf ihre Lebenserwartung: Je
höher der Rang der Männchen und Weibchen war, desto länger lebten sie (Abb. 8) (v. HOLST et al. 1999, v. HOLST et al. 2002). Prädation war für die Mortalität der adulten Tiere relativ bedeutungslos: Zwar wurden alle verstorbenen Tiere sofort von Räubern angefressen, doch konnte nur für weniger als 10 Prozent aller Verstorbenen Prädation als eigentlich Todesursache nicht ausgeschlossen werden, da die Tiere entweder aus dem Gelände weggeschleppt oder so spät gefunden wurden, dass eine Untersuchung der Tiere nicht mehr möglich war. Auch Nahrungsmangel konnte selbst in der Winterphase als Todesursache ausgeschlossen werden. Zwar war die Nahrungssituation für die Kaninchen im Winter schlecht, unter anderem nahmen Kohlenhydrat- und Proteingehalt der Gräser
und Kräuter auf dem Gelände zwischen September und Januar auf etwa 50 Prozent ab; auch ging dem Tod der Tiere zumeist eine starke Gewichtsabnahme voraus, die auf einem Abbau sämtlicher Fettreserven und großer Anteile der Muskulatur beruhte und letztlich zum Tod aufgrund eines hypoglykämischen Schocks führte. Die Tiere kompensierten jedoch diese kritische Nahrungssituation zum einen dadurch, dass sie sich kaum bewegten und die Zeit fast ausschließlich mit Fressen verbrachten, zum anderen war ihr
Stoffwechsel nach unseren bisherigen Befunden um bis zu 30 Prozent abgesenkt (EISERMANN et al. 1993, v. HOLST 1998: Daten aus telemetrischen Messungen der Herzrate sowie Bestimmung der FMR (field metabolic rate) mit doppelt markiertem Wasser).
Trotz deutlich verschlechterter Nahrungssituation verloren daher adulte Individuen, die den Winter überlebten, in den Winterperioden keine oder nur sehr wenig Körpermasse. In ca. 90 Prozent aller Fälle starben die adulten Tiere mit allen Anzeichen von Darmerkrankungen (Durchfall mit groß-
flächigen Entzündungen im Magen-DarmBereich), was auf Darmkokzidiose hinweist. Präzise Angaben sind allerdings bisher nicht möglich, da erkrankte Tiere normalerweise nicht in Fallen gingen und daher auch nicht vor ihrem Tod untersucht werden konnten.
Quelle: Dietrich von Holst: Populationsbiologische Untersuchungen beim Wildkaninchen. Der Einfluss von Sozialverhalten und Stress auf Vitalität und Fortpflanzung.
= Bericht über eine Studie über Wildkaninchen, die von der Universität Bayreuth in einem Freigelände (22000 m²) beobachtet wurdenDie Natur ist keine heile Bilderbuchwelt sondern teilweise absolut grausam. Kaninchen in Gefangenschaft haben oft ein deutlich schöneres, artgerechteres und gesünderes, schmerzfreies Leben. Nein, meine Hauskaninchen setze ich nicht barbarischen Gruppenauseinandersetzungen aus (die ihre Lebenserwatung drastisch herabsetzen können) sondern achte darauf, dass die zusammen gehaltenen Kaninchen gut harmonieren. Und nein, meine Hauskaninchen sterben nicht an
Kokzidien (ganz im Gegenteil! Auf Grund ihrer Fütterung und Haltung haben sie nicht einmal welche! So falsch kann diese Ernährung und Haltung also gar nicht sein und sie hat Vorteile gegenüber der Natur!). Wenn sie
Kokzidien bekommen (was deutlich seltener als bei Wildkaninchen der Fall ist, die Sterblichkeitraten wie in dieser Studie erreicht kein Halter!) dann werden sie behandelt. Und wenn sie krank sind, müssen sie keine Schmerzen erleiden, wir geben ihnen Schmerzmittel. Und ich setze auch nicht so drastisch den Natur-Bedingungen aus sondern biete ihnen Schutz, z.B. durch Überdachungen, frische, trockene Einstreu, Wärmequellen usw. Und somit sind meine Kaninchen bisher (bis auf eine Ausnahme) alle über 8 Jahre alt geworden und nicht im Schnitt 2,5 Jahre, wie die Kaninchen in der Natur. In der Natur vermehren sich Kaninchen so stark damit sie überleben, denn ein Großteil geht ein, gerade im Winter. Das man sich an der Natur orientiert 8auch bei der Ernährung) ist gut und richtig, aber Haustiere müssen und sollen auch nicht wie in der Natur ernährt werden, dann wäre die Sterblichkeitsrate deutlich höher. Wir geben ihnen zusätzlich Energiefutter (z.B. Saaten), getrocknete Kräuter, Heu, Gemüse, und damit leben sie richtig gut. Also meine Kaninchen werden deutlich älter als in der Natur (auch wenn sie im Winter selbstverständlich nicht wie im Sommer fressen oder gerade deswegen, weil wie gesagt ist eine Ernährung, die an die Jahreszeiten angepasst, aber durch den Menschen optimiert wird, am besten geeignet), sind gesünder und behüteter!
Die in der Natur auftretenden Verdauungsprobleme, die auch oft zum Tode führen, werden vor allem durch die Gabe von einwandfreien Winterfutter (besonders von Trockenkräutern, die viele Kaninchen zu dieser Jahreszeit förmlich wegfräsen) verhindert oder abgemildert. Durch die optimaleren Haltungs- und Fütterungsbedingungen (die sich natürlich trotzdem an der Natur orientieren sollten), bleibt die Verdauung so stabil, dass es keine Probleme gibt und durch zusätzliche Energie, müssen die Kaninchen im Winter nicht so extrem einsparen wie ihre wilden Verwandten.
Die Haustierhaltung erfordert es, dass die Ernährung auf die Tiere und die Haltungsform und Möglichkeiten optimal angepasst wird. Das erreicht man vor allem durch eine gute Beobachtungsgabe, ein gutes Gefühl für die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Tiere, eine gute und regelmäßige liebevolle Betreuung und Pflege/Fütterung und keine starren Richtlinien.