Nun ... vor meiner Haustür fressen sie definitiv viel Kulturpflanzen - und soweit ich informiert bin, liegt Hessen in Europa ...
Während man am Feldrand den Verbiß nicht sieht, sieht es auf den Feldern wiederum ganz anders aus, der Verbiß ist Sommers wie Winters bis zu 100m aufs Feld hinaus zu sehen.
Es ist allerdings auch abhängig davon, was auf den Feldern wächst ... im Sommer beispielsweise wird Weizen, Roggen etc absolut in Ruh gelassen, dann wird lieber der Feldrand abgefressen und im Herbst wird deutlich mehr Bäume geschält. Auch Mais ist nicht sonderlich beliebt ... da gehen eher die Wildschweine rein.
Ganz anders bei Wintergetreide, Raps und Hackfrüchten - da ist es teilweise schon krass, wieviel die Kaninchen da futtern. Außerdem gibt es einen enormen Unterschied zwischen Bio und konventionell, Biohafer wird abgebissen und die Rispen leergefuttert, ich hab das bei konventionellem Hafer dagegen noch nie gesehen.
Übrigens kann ich diese Unterscheidung auch bei meinen Kaninchen beobachten - in Bio werden wahnsinnig gern Kohlrabi und Kohlrabiblätter gefressen, in konventionell müßte ich die Kaninchen nen Tag vollständig hungern lassen, bevor sie überhaupt an ein Blatt davon gehen!
Bei den meisten Untersuchungen stehen Kaninchen in Naturschutzgebieten und auf extensiv genutzten Gelände mit Weiden, Strauchinseln und Waldrändern. Da gibt es keine Kulturpflanzen, die man auch bei Aldi kaufen kann - im Gegenteil, sie werden von Kulturpflanzen, die zunehmend seit der Industrialisierung nicht mehr genutzt werden, verdrängt. Das ist etwas, was bislang noch nirgendwo berücksichtigt wurde - fast alle wildlebenden Pflanzen auf Europas Wiesen und Weiden sind Kulturpflanzen und eben KEINE Wildpflanzen!
Rotklee, Weißklee, alle Ampferarten, die meisten Gräser, vermutlich auch die Wegeriche etc sind für den menschlichen Genuß über die Jahrhunderte verändert worden.
Ich kann hierzu nur das Buch empfehlen:
Michael Machatschek (2007): Eßbare Landschaft. Böhlau Verlag Wien, 3. Aufl.
Dann wiederum, was Andreas nicht berücksichtigt, sind die zunehmend alten Gemüse- und Obstsorten, die in die Naturkostläden kommen: Mangold, Quitten, Rucola, Ampfer, Löwenzahn, Bärlauch usw usf ... ich selbst wollte eigentlich Andreas in einem privaten "Feldzug" widerlegen und einfach mal bei Aldi zeigen, was es da alles für tolle Pflanzen, welche den Wildpflanzen ähneln, gibt ... das Ergebnis war etwas ernüchternd, denn hier gibts ja tatsächlich nur die wässrigen Hochzuchtformen! Selbst der Spinat, der ja eigentlich eine sehr eiweißreiche Pflanze ist und mit einem hohen Gehalt an limitierenden Aminosäuren punkten kann, ist bei Aldi nur ne grüne Attrappe - ich wette, wenn ich den zur Analyse gegeben hätte, da wär bestimmt kaum Eiweiß drin zu finden gewesen, so wässrig war der!
Sowas, wie für mich Normales, wie Mangold, Topinambur, Süßkartoffeln etc gibt es bei Aldi überhaupt nicht! Selbst Grünkohl war einfach nicht da ... und das mitten im Winter!
Wenn man Stachellattich (der Wildform des Kopfsalats, Schnittsalats und Bindesalats) und Löwenzahn miteinander vergleicht, haben wir zwei Kulturpflanzen, die etwa über den gleichen Zeitraum hinweg kultiviert und gezüchtet wurden, beide Arten wurden schon 4000 vor Christus in vielen Sorten kultiviert und angebaut. Speziell beim Kopfsalat haben wir es jedoch in der modernen, wässrigen Form mit einem Formenkreis zu tun, den es erst seit der Industrialisierung gibt! Das, was im 16. Jhr als Kopfsalat existierte, hatte noch gar nicht diesen flachen Kopf wie der heutige Kopfsalat und war deutlich dunkelgrüner. Es gibt noch Sorten, die Abbildungen aus dieser Zeit ähneln - allen gemeinsam ist der hohe Nährstoffgehalt und richtig feste, bittere Blätter.
Vergleicht man den Nährstoffgehalt und den Bitterstoffgehalt von alten Bindesalat- und Schnittsalatformen, die in Naturkostläden durchaus zu bekommen sind, mit dem vom Stachellattich, nehmen die sich nicht viel - kommt man mit dem Kopfsalat von Aldi an, dann haben wir es nicht mal mehr mit einem Nahrungsmittel zu tun!
Wir haben also ein ganz anderes Problem - und das ist nicht nur ein Problem in der Tierfütterung, sondern ein generelles Problem auch für uns Menschen, mit ein Grund, weshalb Zivilisationskrankheiten immer mehr zunehmen: Man kann nur noch wässrige Industrieformen einst nahrhafter Kulturpflanzen kaufen! Selbst im Bioladen kommt es nur ganz langsam, daß immer mehr alte Kultursorten wieder Eingang in die Regale finden - und da haben wir wieder das Problem, daß diese umgezüchtet werden auf Monokulturtauglichkeit, ein Beispiel dafür ist der Mangold - also kurzum, auch Bioware hat zunehmend die Tendenz, wässrig und unzureichend zu werden!
Nicht nur unsere Tiere leiden darunter - auch wir!
Übrigens - gerade, wer in Berlin wohnt, hat hier gute Chancen, aus diesem Dilemma auszusteigen - in Berlin gibt es inzwischen etliche Projekte, wo auch normale Stadtmenschen ihr eigenes Gemüse anbauen können. Urban Farming ist in keiner anderen deutschen Stadt soweit verbreitet, wie gerade in Berlin.
Man kann sowohl aus diesen Projekten heraus Gemüse kaufen, als auch dort direkt mitmachen und dafür sorgen, daß eben alte Kultursorten und keine modernen Monokultursorten angebaut werden.